L’occasione fa il ladro
Bei einem Unwetter verliert Graf Alberto seinen Koffer. Der Finder Don Parmenione entdeckt darin ein Bild von Albertos Verlobter Berenice und nutzt die Gelegenheit. Er schlüpft in die Kleider des Grafen und macht Berenice als deren bisher unbekannter Verlobter seine Aufwartung. Er ahnt nicht, dass die Braut sich den neuen Verlobten erst einmal aus sicherer Distanz anschauen will und deshalb mit ihrer Freundin Ernestina die Rollen getauscht hat. Während Parmenione die falsche Berenice umwirbt, trifft der echte Alberto ein, der zwar über den plötzlichen Rivalen schockiert ist, dann aber an der vermeintlichen Freundin der Braut Gefallen findet. Womöglich führt das falsche Spiel am Ende doch noch zur wahren Liebe …
In dem Einakter L’occasione fa il ladro (Gelegenheit macht Diebe) aus dem Jahr 1812 – den Gioachino Rossini in weniger als zwei Wochen komponiert haben soll – ist bereits alles enthalten, was seine späteren Werke ausmacht: rasante Ensembles, berührende und virtuose Arien, witzige Instrumentaleffekte und die erste Gewittermusik dieses Komponisten. Doch hinter der turbulenten Handlung von L’occasione fa il ladro verbergen sich Fragen von Identitätsdiebstahl, sozialem Rollenspiel und der Suche jedes Menschen nach sich selbst. Am MusikTheater an der Wien inszenierte Marcos Darbyshire die gefeierte Produktion an der Kammeroper mit einem exzellenten jungen Ensemble.
BESETZUNG
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Berenice
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Inna Demenkova
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Conte Alberto
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Alberto Robert
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Don Parmenione
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Roberto Lorenzi
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Ernestina
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Petra Radulovic
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Don Eusebio
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Ilyà Dovnar
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Martino
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Lazar Parežanin
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Orchester
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Wiener KammerOrchester
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Musik
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Gioachino Rossini
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Text
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Luigi Prividali
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Regie
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Marcos Darbyshire
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Musikalische Leitung & Hammerklavier
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Pedro Beriso
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Bühne und Kostüme
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Agnes Hasun
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Licht
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Karl Wiedemann
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Dramaturgie
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Kai Weßler
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Eine Produktion von ORF III in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Bühnen Wien und Musiktheater an der Wien in der Kammeroper.
Mit Genehmigung der Universal Edition, Wien, in Vertretung von Casa Ricordi S.R.L., Milano.
VIDEOS
HANDLUNG
Von einem Sturm überrascht, suchen zwei Reisende Zuflucht in einem Gasthaus. Graf Alberto wird zum ersten Mal seine Verlobte Berenice treffen. Versehentlich vertauscht Alberto seinen Koffer und nachdem er gegangen ist, öffnet Parmenione den Koffer des Grafen. Darin findet er Albertos Reisepass zusammen mit einem Bild einer schönen Frau, die er für dessen Verlobte hält. Parmenione beschließt, sich als Graf auszugeben und sie selbst zu heiraten. Er stellt sich im Haus von Don Eusebio vor, dem Onkel und Vormund von Berenice. Um den Charakter ihres Verlobten zu erkunden, gibt sich die Dame als Dienstmädchen aus, während ihr Gast Ernestina die Rolle der Verlobten übernimmt. Bald trifft Alberto ein, und jeder der beiden Männer behauptet, der Graf zu sein. In der Zwischenzeit verliebt sich Alberto in die „Dienstmagd”, während Parmenione sich in die „Herrin” verliebt (obwohl sie keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau auf dem Porträt hat). Nach verschiedenen humorvollen und sentimentalen Episoden wird die Identität aller offenbart. Der Graf wird mit Berenice vereint, während Parmenione Ernestina – dem Mädchen, das er eigentlich aufspüren sollte – die Hand reicht.
EINBLICKE
Wer bin ich?
Regisseur Marcos Darbyshire über L’occasione fa il ladro
Das große Thema von Gioachino Rossinis 1812 entstandenem Einakter L’occasione fa il ladro ist die Identität. Die Frage, wer ich selbst bin, und ob mich die anderen auch in dieser Identität anerkennen. Diese Frage wird als konkrete Situation im Quintett behandelt, wenn der echte Graf Alberto auf den Betrüger Parmenione trifft und beide behaupten, Alberto zu sein. „Ich bin du“, sagt der eine, aber der andere sagt: „Das kann nicht sein, denn ich bin ich!“ Diese Situation ist der komische Höhepunkt der Oper, und in den Szenen danach versuchen die Figuren, herauszufinden, wer eigentlich wer ist. In allen fünf frühen Farcen von Rossini gibt es ziemlich genau in der Mitte ein Ensemble, das in seiner Steigerung und dem schnellen Durcheinander aller Figuren dem Finale des ersten Aktes einer zweiaktigen Opera buffa entspricht. Bei Il signor Bruschino ist das ein Terzett und bei L’occasione fa il ladro das Quintett. Der Aufbau der Farcen entspricht genau dem der zweiaktigen Opera buffa, nur dass hier alles kompakter ist und die Figuren weniger Zeit haben, sich als facettenreiche Persönlichkeiten zu zeigen. Die Figuren sind hier noch Typen, aber das gibt uns in der Inszenierung die Freiheit, sehr viel mit ihnen zu spielen.
Wenn man das Libretto der Oper zum ersten Mal liest, denkt man unwillkürlich an Mozarts Così fan tutte: Es gibt zwei Paare und Verkleidungen, und dann verführt ein Mann eine Frau, obwohl er eigentlich zu einer anderen Frau gehört. Schaut man genauer hin, dann blitzt eine andere Mozart-Oper in dem Stück auf, nämlich Don Giovanni. Im Mittelpunkt beider Opern steht ein Gauner mit seinem Diener, der sich über gesellschaftliche Normen hinwegsetzt und glaubt, dass er alle Mitmenschen manipulieren oder verführen kann. Auch das Motiv des Identitätstausches durch Verkleidung kommt in Don Giovanni vor. Ich weiß nicht, ob Rossini diese Ähnlichkeit bewusst war, aber wir haben jedenfalls für das Publikum ein paar Referenzen eingebaut. Wie in vielen Komödien, und hier wäre Le nozze di Figaro der beste Vergleich, handeln die Frauen in L’occasione fa il ladro nicht nur aktiv, sondern sie sind witzig und tragen den Humor des Werkes. Die beiden Frauen in sind hier vielleicht etwas braver als die späteren Rossini-Heldinnen wie Rosina in Il barbiere di Siviglia oder Isabella in L’italiana in Algeri. Da wir aber an diese „role models“ glauben, haben wir versucht, die beiden in der Fassung und der Inszenierung zu unterstützen, so dass sie den Männern Paroli bieten können. Das gelingt vor allem mit Berenice, die ja in ihrer Arie ganz klar formuliert, dass sie niemanden heiraten wird, dessen Identität nicht geklärt ist. Der Witz und die Intelligenz dieser beiden Frauen macht das Moderne an diesem Stück aus. Dass die männlichen Figuren dagegen etwas konventioneller wirken, liegt daran, dass sie aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen. Ein Beispiel: In der ersten Szene von L’occasione fa il ladro öffnet der Diener Martino den Koffer des Grafen Alberto, und erst dann ergreift Don Parmenione selbst die Gelegenheit, sich die Identität des Grafen Alberto anzueignen. Der Librettist wollte anscheinend vermeiden, einen bürgerlichen Herrn als Dieb auf die Bühne zu bringen – obwohl das Stück ja genau davon handelt. Hier laufen gesellschaftliche Konventionen dem Witz der Situation geradezu entgegen, und wir haben versucht, diese Konventionen in unserer Fassung zu umschiffen, damit der Witz der Situation klarer hervortritt.
Es gibt in L’occasione fa il ladro drei dramaturgische Probleme, die wir versucht haben, mit einigen Eingriffen zu lösen. In dem originalen Libretto treffen die beiden „richtigen“ Paare bereits sehr früh aufeinander und singen sofort ein Liebesduett, und das schadet der Spannung des ganzen Werkes. Wir haben daher das erste Liebesduett zwischen Berenice und Alberto gestrichen, obwohl es sehr schön ist. Im Verlauf der Proben hat sich dann bestätigt, dass es viel spannender ist, wenn sich die erotische Verbindung zwischen den beiden nach und nach aufbaut und sie erst in ihrem Duett im Finale zusammenkommen. Das ist das erste Problem; das zweite besteht darin, dass Berenice schon relativ früh Parmenione als Betrüger entlarvt. Wir haben daher ihr Duett mit Parmenione, in dem sie ihn regelrecht einem Verhör unterzieht, nach hinten verschoben, um so die zentrale Pointe der Handlung nicht zu früh zu verraten. Und das dritte Problem: Die Rolle der Ernestina ist wesentlich kleiner als die der Berenice, und wir erfahren von ihr eigentlich nichts, obwohl ihre Funktion in der Handlung weit wichtiger ist als die des Dieners Martino, der sogar eine eigene Arie hat. Für Ernestina haben wir eine Vorgeschichte erfunden, indem wir ihr eine Auftrittsarie gegeben haben, die vom späten Rossini stammt. Es handelt sich um die Arie „Mi lagnerò tancendo“ auf einen Text von Pietro Metastasio. Vom Hammerklavier begleitet, steht diese Arie mit ihrem Pathos ein bisschen im Kontrast zum restlichen Stück, aber dieser Kontrast bereichert die Figur der Ernestina enorm. Wir sind überzeugt davon, dass es legitim ist, Änderungen in der Handlung und im dramaturgischen Bogen vorzunehmen, wenn man dem Stück mit Liebe und Respekt begegnet. Denn bei Rossini steckt jeder Takt voller Humor und Witz, und wenn wir seiner Oper gerecht werden wollen, müssen wir das Publikum zum Lachen bringen.
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